22. März 2010

Fürsorgeheime unter Beschuss…

Innsbruck

22.3.2010

Prügelorgien in Tirols Heimen

Exzessive Gewalt stand in Tirols Fürsorgeheimen bis in die 80er Jahre auf der Tagesordnung. Nun will das Land die Vergangenheit aufarbeiten, viele Akten sind aber unauffindbar.

Von Brigitte Warenski

Innsbruck – „Schlimme Buben” wanderten in die Isolierzelle, Kinder wurden stundenlang festgebunden, blutig geprügelt, gedemütigt. Wer nicht parierte, musste unter den Tisch und die anderen durften ihn mit Fußtritten traktieren. „Es waren bei den Erziehern Schlägertruppen am Werk, es gab exzessivste Gewalt, es wurde mit unvorstellbarer Brutalität vorgegangen. In einem Heim gab es auch sexuellen Missbrauch”, so Hort Schreiber über die dunklen Zeiten in Tirols Fürsorgeheimen.

Der Zeithistoriker, der die Steuerungsgruppe zur Aufarbeitung der Geschichte in Internaten, Heimen und Schulen rund um LR Gerhard Reheis initiiert hat, beschäftigt sich seit Jahren mit der Heimerziehung.

Was er zu erzählen hat, ist unfassbar:

In Kleinvolderberg/Volders, in Kramsach-Mariatal, in St. Martin/Schwaz und in Westendorf:

„In diesen „Straf- und Bewahrungsanstalten mit unausgebildeten Erziehern” landeten nicht nur Kinder aus problematischen Familien. „Viele wurden auch zu Unrecht eingeliefert”, so Schreiber.

Wer als auffällig galt, z.B. zu jung sexuell ausschweifende Kontakte pflegte, wurde oft einfach ins Heim gesteckt, „die Eltern hatten da kein Mitspracherecht”. Von den 40er bis in die 80er Jahre kamen „viele, viele Kinder in Tirol – wir reden hier von einigen zehntausend – in die geschlossenen Fürsorgeanstalten, die vom Land Tirol und der Stadt Innsbruck geführt wurden”.

Besonders hart traf es jene Kinder, die immer wieder in die kinderpsychiatrische Beobachtungsstation in Innsbruck geschickt wurden.

„Das ist eine Terrorgeschichte. Da wurden Bettnässer mit Stromstößen an den Genitalien behandelt”, sagt Schreiber.

Die Lebensläufe der ehemaligen Heiminsassen sprechen Bände: „Wir haben massenweise Selbstmorde, Prostitution, psychiatrische Behandlung bis heute und es gibt Opfer, die selbst zu Tätern wurden.”

Dass die Träger der Einrichtungen – eben Land und Stadt – nichts wussten, lässt Schreiber nicht gelten. „Es war insofern bekannt, weil aus allen Heimen die Kinder massenhaft geflohen sind. Wenn sie von der Polizei aufgegriffen wurden, haben sie ihre Leidensgeschichte erzählt. Aber darum hat sich niemand gekümmert, weil sie ja von vornherein als Asoziale gesehen wurden.”

Dass heute von manchen diese systematischen Misshandlungen

als „normaler Erziehungsstil von damals” schöngeredet werden, kann Schreiber nicht verstehen.

„Wir reden hier nicht von Watschen. Wir sprechen über Prügelorgien, die schon gegen damaliges Gesetz verstoßen haben”, erklärt Schreiber.

Die Fürsorgeanstalten wurden in den 70er und 80er Jahren geschlossen, „zeitgleich dazu begannen sich auch die Erziehungsinstitutionen allgemein zu verändern”, sagt Schreiber. Für die Betroffenen hat sich damit nichts geändert:

„Viele von ihnen sind gebrochene Menschen.” Dennoch sei es enorm wichtig, jetzt die gesamte Heimvergangenheit aufzuarbeiten, wie sich die Steuerungsgruppe vorgenommen hat. „Wir bieten nämlich auch psychosoziale Hilfestellung an, sind für Fragen der Entschädigung da und wollen, dass sich Kirche, Land und Stadt bei den Betroffenen entschuldigen.”

Vorerst gehe es aber darum, „in alle Akten der Heime Einsicht zu nehmen, und das werde ich auch einfordern. Das wird nicht leicht, denn viele scheinen verschwunden zu sein”, so Schreiber. Die Betroffenen selbst sind derzeit erst einmal glücklich, „dass sie wahrgenommen werden, dass man sie ernst nimmt und nicht wie früher wie Dreck behandelt“.

Wie es mit eventuellen Schadenersatzansprüchen aussieht, ist noch ganz offen. „Es wird sicher die Frage auftauchen, inwiefern das Land und die Stadt als Träger der Institutionen in die Haftung genommen werden können”, erklärt Schreiber. Da es noch keine Plattform für ehemalige Heimkinder gibt, bittet Schreiber, dass sich diese an das Büro Reheis oder an ihn unter:

horst.schreiber@uibk.ac.at wenden.

Über die Fürsorge- und Heimerziehung hat der Wissenschafter auch einen Beitrag im Gaismair-Jahrbuch 2010 (StudienVerlag) geschrieben.

Quelle:   www.tt.com -online 22.03.2010

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Wenn der Kinderschänder sich dich ausgesucht hat, musst du schon das Wissen besitzen von mir heute um diesen von seinem Vorhaben abzubringen und das sind 56 Jahre Erfahrungen neben den eigenen auch von anderen betroffenen Menschen…

Kinder stark machen…
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