27. Juli 2010
Opfer erzählt aus Treffen in Kärnten…
Strafe: Eine Horrorwoche am Fensterbankl
Der heute 40 Jahre alte Engelbert S. berichtet, welchen Übergriffen er als Kind im Antonius Heim in Treffen ausgesetzt war - und wie schwer es ist, Gehör zu finden.

erzählt was ihm im Antonius Heim in Treffen wiederfahren ist....
Foto © Fotolia
Auch wenn sich Meldungen über Misshandlungen und Missbrauch an Kindern und Jugendlichen häufen: Jeder Fall ist einzigartig – für das Opfer.
Engelbert S. ist ein Opfer, bis heute.
Das zeigt sich mehrfach: dass er einen schockartigen Schreck bekommt, wenn er über die Zeit spricht und das Telefon klingelt. Dass er ständig in Alarmbereitschaft ist und sich gegen vermeintliche Vorwürfe verteidigt, obwohl der gebürtige Klagenfurter inzwischen 40 ist und wahrlich niemandem Rechenschaft schuldig.

Kleine Kinder sind immer und überall den Erwachsenen SCHUTZLOS ausgeliefert...
Eine Bestrafungsmethode, die Engelbert für sein Leben geprägt oder besser: gezeichnet hat, ragt wie ein pädagogischer Galgen aus den zwölf Jahren heraus, die er als Kind aus einer sozial schwachen Familie im Antonius Kinderheim in Treffen verbrachte: das harmlos klingende “Fensterbanklstehen”.
“Mit 12 musste ich eine ganze Woche lang an der Fensterbank im Flur leben. Aufstehen, an der Fensterbank frühstücken, Schule, an der Fensterbank Mittag essen, Aufgaben machen, warten bis zum Abendessen, auch am Fensterbankl, danach warten, bis es Schlafenszeit war.” Ohne Stuhl. Stunde für Stunde, Tag für Tag, Minute für Minute – eine unendliche Woche lang. “Da fängst du auf einmal an, jede Fliese zu zählen, jede Ritze, jede seitliche Ritze, und das immer wieder von Neuem.” Engelbert sagt, das habe ihn bewahrt, verrückt zu werden. Manchmal rettet sich das Gehirn in kleine Verrücktheiten, um die endgültige zu verhindern.
Bleibt noch das Verbrechen nachzutragen, das die drakonische Strafe heraufbeschworen hat. Engelbert: “Ich hatte einen Patsch verloren. Auf dem Schulweg.”
Die sadistische Komponente derartiger Strafen zieht sich durch den Heimalltag, auch wenn ihn Täter, Täterinnen und Opfer für “ganz normal” halten.
Weil die Wäsche im Schrank nicht “gerade” gestapelt war, “hat mich die Erzieherin mit dem Kopf gegen die Kastentür geschleudert”. Für jede Kleinigkeit gab es Schläge und Ohrfeigen: für ein Loch im Strumpf, für die Verwendung von WC-Spray ohne Genehmigung. “Einmal bin ich von Schlägen wach geworden. Die Erzieherin hatte Versäumnisse in meinen Hausübungen gefunden.”
Bettnässer bekamen abends nichts zu trinken. Wer unliebsam auffiel, musste ins Bett, in den Ferien manchmal über einen Tag.
Weit verbreitet ist die Unterscheidung zwischen sexuellem Missbrauch und körperlicher oder seelischer Misshandlung. Die psychischen Ursachen der Täter hingegen sind fast identisch: Triebunterdrückung führt zum Rückfall in die anal-sadistische Phase. Doch was bei drei- bis fünfjährigen Kindern normal ist, der Wunsch, andere zu beherrschen, die eigene Macht unter anderem dadurch auszureizen, dass man andere leiden lässt, ist bei Erziehern im Umgang mit Kindern verheerend.
Das zeigte sich auch im Antonius Heim bei der Körperpflege: “Eine Nonne war immer mit uns in der Dusche. Wir waren vier, fünf Buben und sie hatte die Brause in der Hand. Willkürlich spritzte sie uns mit warmem oder kaltem Wasser an, sie kontrollierte jeden Zeh und gewisse andere Sachen.”
Furcht
Es herrschte eine Atmosphäre der Furcht. Ständig hatte Engelbert Angst, etwas Falsches zu machen, und wenn der Druck unerträglich wird, “dann traust du dich gar nichts mehr”. Das hat er zum Glück abgelegt, ebenso wie das Stottern, das sogar manche Betreuerin gern nachäffte.
Abgelegt hat er auch die Scheu, darüber zu sprechen. “Zuerst dachte ich, dass ich auch anderen helfen will, sich dieser Vergangenheit zu stellen. Inzwischen habe ich gemerkt, dass ich darüber rede, damit das, was mir und anderen angetan wurde, nicht in Vergessenheit gerät. Die Nonnen und Erzieherinnen sollen sich ihrer Vergangenheit stellen.”
Wie wichtig es ist, diese vermeintlichen “Einzelfälle” heute noch zu thematisieren, zeigt die beschwichtigende Antwort eines kirchlichen Beraters auf Engelberts Informationen: “So etwas war damals ganz normal. Die haben es alle nur gut gemeint!” Auch der Hinweis, die Taten seien längst verjährt, fehlte nicht.
Hauptakteurin in Engelberts Kindheitsdrama war eine weltliche Erzieherin. “Von diesen Dingen haben wir nie etwas mitbekommen”, sagt eine der Nonnen, die damals im Antonius Kinderheim arbeiteten. Zugleich betont sie, wie schwer es war, diese Kinder aus desolaten sozialen Verhältnissen zu erziehen und ob die Kleine Zeitung nicht auf diese Geschichte verzichten könne.
Und dann: “Ich fürchte, sonst melden sich noch andere.”
JOCHEN BENDELE
Quelle:Â www.kleinezeitung.at -online 27.07.2010
“Herr S. kann sich einen Therapeuten suchen”
Der Leiter der kirchlichen Opfer-Ombudsstelle über Engelbert S. und 51 weitere Anzeigen.
“Herr S. und ich hatten zehn bis fünfzehn Mal persönlichen und telefonischen Kontakt”, sagt Prälat Matthias Hribernik.
In der letzten Zeit ist Bewegung in die Angelegenheit gekommen. Hribernik wird Engelbert S. dabei beraten, seine Vorwürfe an die Opferschutzanwaltschaft um Waltraud Klasnic weiterzuleiten. “Dort kann man das im Vergleich zu ähnlichen Fällen bewerten und – auch wenn es immer zu wenig ist – überlegen, was die Wiedergutmachung betrifft.”
Außerdem hat Hribernik Engelbert S. angeboten, eine Therapie zu machen und die Rechnung an ihn zu schicken. “Wie lange das dann dauert, muss er mit dem Therapeuten entscheiden.”
Wenn auch die Kindheit von Engelbert S. dramatisch, wenn nicht traumatisch war: Er ist nicht der Einzige. Hribernik: “Seit dem 1. März 2010 wurden uns 52 Fälle gemeldet. Davon entfällt ungefähr die Hälfte auf sexuellen Missbrauch und die andere Hälfte auf Gewalt.”
Viel Arbeit für die Klasnic-Kommission.
Quelle:Â www.kleinezeitung.at -online 27.07.2010
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Zitat:
Grausam wie man mit Opfern umgeht und hofft, hoffentlich ist er bald so überfordert, dass er auf alles pfeift!
Aber ich hoffe das tun die jetztigen Opfer nicht, die sich melden!
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Wiederholungstäter Juli 2010
Wiederholungstäter Juli 2010
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2 Kommentare zu “Opfer erzählt aus Treffen in Kärnten…”
Kommentare
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25. März 2011 um 15:43 Uhr
Lieber Engelbert!
Meine Schwester und ich waren auch in diesem Heim, ich glaube das war so im Kindergartenalter.
Ich kann mich nicht mehr an alles erinnern, aber an das was ich mich erinnere ist verheerend.
Diese Befehle und diese Erniedrigungen…einfach Horror!
Tut mir leid fuer Dich, hoffe Du hast ein halbwegs normales Leben.
Liebe Gruesse
Bianca
10. April 2011 um 17:27 Uhr
Hallo Engelbert, auch ich war mit meinen 3 Geschwistern im gleichen Heim wie Du. Sicherlich war es nicht einfach für uns alle, auch für die Schwestern nicht. Ich bin aber trotzdem froh, hier aufgewachsen zu sein. Wir wurden alle 4 Geschwister nach Jahren im Heim getrennt. Ich hatte das Glück, im Kinderheim bleiben zu dürfen. Meine kleine Schwester ist zu einem reichen Fabrikanten nach Klagenfurt gekommen. Ich kann nur sagen, was meine Schwester mitgemacht hat war der reinste Horror(Ehefrau war der Teufel in Person).
Dir wünsch ich alles Gute auf Deinem weiteren Lebensweg.
M.J.