6. September 2010

Auszüge aus dem Buch …

Kampusch: “Im Keller war ich Bibiana. Sie war duldsamer”

Natascha Kampusch erzählt, wie sie Gewalt, Isolation und Priklopils kranke Liebe überlebt hat. Und warum sie darüber ein Buch schreiben wollte.

Natascha Kampusch als Autorin...

Natascha Kampusch als Autorin...

“Ich dachte immer, dass Entführungen in einer unübersichtlichen Gegend in Deutschland passieren. Aber nicht da, wo ich wohne”, sagt Natascha Kampusch.

Nach dem Lesen ihrer Biografie möchte man mit Natascha Kampusch weinen. Sie will aber lieber fröhlich sein. Das Leben geht weiter, auch nach dem Allerschrecklichsten, was einem Kind passieren kann. Ob der Tod schrecklicher ist? Unser Gespräch schweift deshalb immer wieder ab. Die schmerzvollsten Sätze aus dem Buch sind ohnehin nicht aussprechbar. Weder für Frau Kampusch noch für mich.

KURIER: Wie ist das Gefühl, sich alles von der Seele geschrieben zu haben?
Natascha Kampusch: Es quält sich alles raus. Weil es will ja nicht wirklich ans Tageslicht – es möchte verdrängt werden. Der Gedanke, dass es jetzt das letzte Mal war, wo ich alles noch einmal so genau betrachte, der hat mich weitermachen lassen. Letztlich war es eine Befreiung.

Im Kapitel über Ihre Kindheit, also die Zeit vor der Entführung, schreiben Sie von Ohrfeigen, Spott und Demütigung, ganz alltäglicher Gewalt. Das muss für Ihre Mutter schwer zu lesen sein.
Ja, aber es war ja damals auch für mich schwer, das zu erleben. Ich kann ja nicht lügen. Deshalb habe ich es so geschrieben, wie es für mich war. Und gerade, weil es ehrlich ist, nimmt es auch den Leuten, die meine Mutter verteufeln, den Wind aus den Segeln.

Haben Sie mit ihr darüber gesprochen?
Ja, aber das ist privat und sollte nicht unbedingt an die Leser gelangen.

Wie ist denn die Vorstellung, dass jetzt alle Menschen lesen können, was in diesen 3096 Tagen wirklich passiert ist?
Mir ist es lieber, es ist alles niedergeschrieben, als irgendjemand dichtet sich etwas zusammen. Ich glaube, es ist auch gelungen, das Buch mit einer gewissen Distanz zu schreiben, es ist kein voyeuristisches Buch. Es ist aber auch keines, das einfach nur so dahinerzählt.

Das Buch ist schockierend. Wie haben Sie das geschafft, sich beim Schreiben an diese Gewalt, an die Folter, an den Terror, an all die furchtbaren Dinge, die passiert sind, zu erinnern?

Diesmal habe ich ja mit Co-Autorinnen geschrieben. Es wäre noch zu früh gewesen, das wirklich alleine zu schreiben. Weil ich konnte mich noch nicht so distanzieren von dem Ganzen, von mir selbst und von dem Erlebten. Es war wichtig, wen von außen zu haben.

Hat es weh getan?
Wenn ich daran denke, tut es schon weh. Es ist so wie bei einem blauen Fleck – man greift halt nicht hin, man drückt nicht noch extra drauf. Die Gewalt habe ich ja schon während meiner Gefangenschaft in Tagebuchform niedergeschrieben. Um mir das selbst nochmals zu veranschaulichen. Damit für mich auch klar ist, wie grausam das alles war. Um nicht zu sehr Nachsicht mit dem Täter zu haben.

Nennen wir Wolfgang Priklopil so? Täter?
Ja. Täter. Oder eben Entführer.

Den Moment der Entführung, als der Täter Sie in den Kastenwagen gezerrt hat, haben Sie so beschrieben: Alles in mir war ein einziger Schrei. Drängte nach oben, ist aber unten in der Kehle stecken geblieben.
Es war irgendwie unfassbar. Als würde der Krieg ausbrechen und Sie würden alles, was Sie je gehabt haben, auf einmal verlieren. Als würden alle bösen Vorahnungen und Vermutungen und Ängste Realität werden.

Video: Natascha Kampusch im Interview mit Conny Bischofberger

Sie waren damals erst zehn und haben sehr viel über Verbrechen an Kindern gewusst, sogar deren Vornamen. Haben Sie deshalb den Täter gefragt, ob er Sie missbrauchen würde?
Als Erstes habe ich ihn nach der Schuhgröße gefragt. Das haben sie bei Aktenzeichen XY immer erwähnt, auch bei Columbo und Magnum. Ich habe viel ferngesehen … Dann habe ich ihm vielleicht mit der zweiten Frage den Spiegel vors Gesicht gehalten. Ich glaube, er hat nicht damit gerechnet, dass ich so offen mit ihm kommuniziere und nicht einfach wie ein ängstliches Kaninchen stumm bleibe.

Hat diese Frage Sie lange gequält: Warum hat er gerade Sie gewählt?
Ja, aber das ist jetzt total müßig, weil wir werden das nie wissen. Jedenfalls dachte ich mir immer, dass das ganz woanders, im Ausland, passiert. Oder vielleicht in irgendeiner unübersichtlichen Gegend in Deutschland. Ich hatte nie die Idee, dass so etwas auch da passieren kann, wo ich wohne, am Stadtrand von Wien, mitten im Gemeindebau.

Auf Seite 49 steht der Satz: Und dann sah ich mich als Leiche in diesem Wald verscharrt unter einer Föhre.
Ja, und dabei hab’ ich mir noch gedacht, ob das weh tut, wenn man stirbt. Aber dann habe ich mir selber die Antwort gegeben: wahrscheinlich ist es einem in dem Moment, wo man stirbt, eh egal. Schlimm sind nur Verletzungen.

Haben Sie sich das je gefragt: Ob Ihnen dasselbe passiert wäre, wenn Sie eine andere, vielleicht eine glücklichere Kindheit, gehabt hätten?
Wenn ich in Döbling auf die Welt gekommen wäre? Ich bin in Hernals auf die Welt gekommen und habe dann im 22. gelebt. Wenn ich in Graz auf die Welt gekommen wäre oder im Waldviertel, dann wäre ich vielleicht ein anderer Mensch, dann hätte ich die Zeit vielleicht ganz anders empfunden, aber es wäre trotzdem die Zeit dort im Verlies gewesen.

Ich fühlte mich lebendig konserviert wie in einem unterirdischen Tresor. Das ist auch so ein starker Satz. Kann er annähernd beschreiben, wie Sie sich wirklich gefühlt haben?
Man wird so wertlos, man merkt, dass man eigentlich nicht wirklich wichtig ist für die Welt. Oder für den Fortbestand der Welt. Gerade als Kind ist man sich selbst ja sehr wichtig. Und dann beginnt man erst, so ein Gefühl für ein großes Ganzes zu entwickeln. Und irgendwann kommt dann so eine Resignation, dass man eh nichts dagegen machen kann, wenn man dort erstickt oder verhungert.

So ein Ohnmachtsgefühl, es hat alles keinen Sinn?
Oder eben, es hat alles einen größeren Sinn – als Auswegsgedanke. Den Sinn, dass die Menschheit weiterexistiert, auch wenn ich sterbe. Und dass ich nicht so wichtig bin. Weil es eben um ein Kollektiv geht. Oder um das Prinzip Leben – dass dieses Leben nicht ausstirbt, nur weil ein Mensch das einem anderen antut.

Das sind ja philosophische Gedanken. Wie können die in einem 12-jährigen Mädchen entstehen?
Ich glaube, die können schon in ganz kleinen Kindern entstehen. Weil sonst würden die nicht so weise Sätze sagen.

Ihre Sehnsucht nach der Mutter, obwohl Sie Ihre Kindheit als brüchige Welt beschrieben haben, die war ja riesengroß. Wie hat sich das manifestiert?
Ich bin immer mehr zu meiner Mutter geworden. Ich habe versucht, ihre Charaktereigenschaften, ihre Stärke hervorzuholen. Früher haben ja die Eltern ihren Kindern manchmal dieselben Vornamen gegeben. Und irgendwie sind damit auch Eigenschaften auf die Kinder übergegangen. Oder Berufe. Ich war so etwas wie die Stellvertreterin meiner Mutter.

Als solche haben Sie selber auf die kleine Natascha aufgepasst?
Ja, so ungefähr.

War das ein Schutz vor dem, was der Täter Ihnen angetan hat?
Ja, denn er hat mich total bestimmt und mit einer Gegensprechanlage überwacht, obwohl ich eh schon eingesperrt war. Über ein Mikrofon hat er Befehle ausgegeben. Wie im Spital oder in chinesischen Restaurants, wo oben so ein Lautsprecher ist, und man kann nichts machen, man muss sich das anhören. So hat er in mein Leben hineingesprochen und hineingehört. Ich konnte auch nicht Radio hören oder irgendetwas tun, ohne dass er das wusste.

Er hat gefordert, dass Sie ihn “Maestro” und “Gebieter” nennen, Sie haben abgelehnt. Woher ist die Kraft gekommen, Nein zu sagen?
Ich glaube, von meiner Mutter. Sie würde sich so etwas auch nicht gefallen lassen. Diese Mutter ist in meiner Fantasie dann natürlich noch viel stärker geworden.

Sie schreiben, als Sie 11 wurden, nahm er Ihnen Ihre Identität. Wie?
Er gab mir einen anderen Namen. Damit hat er mir einerseits meine Kraft genommen, weil mein Vorname ist doch sehr kräftig – das ist ein ausdrucksstarker, intensiver Vorname. Namen sind wie ein Mantra. Er wollte mich Maria nennen … Aber ich habe Bibiana gewählt, nicht weil mir dieser Name so gut gefällt, sondern weil er nach meinem Namenstag als erster kommt. Der Name hat mir damals auch geholfen. Ich wurde eine andere Person.

Die Gewalt hat er Bibiana angetan und nicht Natascha?
So irgendwie. Die Natascha bin ich ja noch immer und die bleibe ich auch. Die setzt sich auch zur Wehr. Im Keller war ich Bibiana. Sie war duldsamer. Und hatte mehr Ausdauer. Vielleicht hat die Bibiana die Natascha auch beschützt.

Als Sie die erste Regel bekommen haben, flippte der Täter aus?
Das war total demütigend. Für mich war das was Einschneidendes, was mich erwachsener hat werden lassen und ihm war es nur wichtig, dass da keine Flecken entstehen. Er hat mich fast wie eine Aussätzige behandelt.

Und er hat Sie misshandelt: Schläge, Brandwunden, er hat Ihnen ein Stanleymesser nachgeworfen.
Da gab’s natürlich viele Überlebensstrategien. Die einfachste ist, nicht dran denken. Man wird dann eigentlich ganz entspannt, man spürt nichts mehr.

Ich verließ meinen Körper und sah von Weitem zu, was mir angetan wird. So beschreiben Sie diesen Zustand. Mit 14 haben Sie sich begonnen zu wehren, mit 15 zurückzuschlagen. Und dann hat er Ihnen nichts mehr zu essen gegeben.
Er ließ mich hungern, damit ich auch keine Kraft mehr habe zum Zurückschlagen. Ich hatte schon im ersten Jahr viel abgenommen. Er wollte verhindern, dass ich mich zu einer Erwachsenen entwickle. Damit ist er nicht fertig geworden. Er war paranoid, krank, arm. Sonst hätte er es ja nicht nötig gehabt, ein Kind zu entführen.

Quelle: Artikel vom 05.09.2010 14:00 | KURIER | Conny Bischofberger/ www.kurier.at -online 6.09.2010

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